Geschichte der Seide

Seide ist ein uraltes Textil.

5000 Jahre Chinaseide
Es soll die chinesische Kaiserin Se-ling-schi gewesen sein, die im dritten Jahrtausend vor Christus Seidenkokons in ihrem Garten entdeckte. Sie soll auch herausgefunden haben, wie man Raupen züchtet und aus den Kokons Fäden spinnt. Se-ling-schi wurde zur Schutzherrin der Seidenraupe und bald sogar als deren Göttin verehrt.

Chinas Geheimnis erreicht Europa
Es gibt viele Geschichten darüber, wie die Seidenraupe nach Europa gelangt ist. Die bekannteste ist, dass zwei Mönche im Jahr 522 nach Byzanz gewandert seien und Maulbeerbaumsamen sowie die Eier des Seidenspinners in ihren Spazierstöcken geschmuggelt haben. Damit soll die Seidenraupenzucht im Mittelmeerraum begonnen haben.

Europäische Seidenmetropolen
Als man in Byzanz wusste, wie die Chinesen Seide herstellen, konnten es auch bald die Griechen und die Araber. Die Araber gründeten ihre Werkstätten im achten Jahrhundert in Spanien. So waren auch die Spanier eingeweiht. Von den Arabern erfuhren es um 950 nach Christus auch die Italiener. In Palermo wurde die erste Werkstatt für Seidenstoffe und Seidengewänder gegründet. Die nächsten Seidenzentren waren in Lucca und Venedig. Dann Florenz, Genua, Pisa und Bologna. Das Geschäft mit der Seide blühte. Bis ins 16. Jahrhundert blieb Italien führend in der Seidenproduktion. Die Italiener entwarfen die schönsten und aufwändigsten Muster.

Anfangs importierten die Franzosen die italienische Seide. Der wichtigste Umschlagplatz war Lyon. Die Nachfrage nach Seide stieg aber immer mehr an. Da ließ Louis XI. im Jahre 1470 eine eigene Seidenproduktion aufbauen. Rohseide wurde importiert und italienische Weber mit lukrativen Angeboten nach Frankreich gelockt. Eigene Webmuster gab es nicht, man kopierte die italienischen. Das änderte sich, als das Musterweben mit einem verbesserten Webstuhl leichter wurde. Damit erlebte die französische Seidenproduktion einen riesigen Aufschwung.

Seide in der Schweiz
Die Seidenproduktion der Schweiz hat eine lange Tradition. Ab 1250 florierten zum Beispiel in Zürich die Seidenproduktion und der Seidenhandel. Seide wurde nach Schwaben, Südfrankreich, England. Prag und Ungarn exportiert.

Nach dem Edikt von Nantes im 17. Jahrhundert, emigrierten viele Hugenotten in die Schweiz. Mit ihrer Erfahrung im Seidenhandel und Produktion, trugen sie wesentlich zum Wiederaufleben der Seidenindustrie in Zürich und Basel bei. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die „Seidenhöfe“ in Zürich weltberühmt und um 1900 war die Seidenindustrie einer der bedeutendsten Industriezweige der Schweiz.

Die Seidenverarbeitung erreichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Ab Mitte des 20 Jahrhunderts, verlagerte sich der Schwerpunkt von der Verarbeitung hin zum Handel.

Tod der Raupen – Geburt der Chemieindustrie
Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die italienische und die französische Seidenproduktion einen schweren Rückschlag hinnehmen: Ab 1854 vernichtete die so genannte Fleckenkrankheit die Seidenraupen in ganz Europa. Ein Mittel dagegen gab es nicht. Der französische Bakteriologe Louis Pasteur forderte alle Tiere zu töten. Dann solle man gesunde Tiere aus Asien holen und damit neu züchten. Zukünftig solle man vor allem auf eine bessere Hygiene achten. Das war die einzige Lösung, aber sie ruinierte viele Betriebe.

Zur gleichen Zeit erfuhr dagegen eine andere Industrie durch die Lyoner Seidenfärber den entscheidenden Anstoß: Bis zu dieser Zeit färbte man hauptsächlich mit Pflanzenfarben. Als 1856 der junge Engländer William Henry Perkins den ersten synthetischen Anilin-Farbstoff herstellte, wollte den im konservativen England keiner haben. Die Lyoner Seidenfärber aber waren begeistert. Der violette Farbstoff „Mauvein“ wurde um 1860 zur Modefarbe. Es begann ein Ansturm auf neue Anilin-Farben. Farbenfabriken wurden gegründet: die Badische Anilin und Sodafabrik BASF, die Farbwerke Höchst, die Aktiengesellschaft für Anilinfarben-Fabrikation AGFA. In der Schweiz gründete der Seidenweber Alexander Clável das Chemiewerk CIBA. Somit trugen die Seidenfärber entscheidend zur Gründung der europäischen Chemieindustrie bei.

Quellen:

Kapitel „Seide in der Schweiz“ von Ueli Ramseier, 2007
Alle anderen Kapitel: Bärbel Heidenreich; Redaktion: Christoph Teves (Link)